__________________________________________________________ taz 5.3.2010
Thomas Mauch hört auf den Sound der Stadt
Aus der Schöpfungsgeschichte weiß man, dass die Welt am Anfang wüst und leer war, und genauso weiß man aus eigener Anschauung,
dass es dabei kaum bleibt beim fortlaufenden Einrichten in den Gegebenheiten, die halt immer weiter so umgeräumt werden,
bis man es sich selbst im Wüsten ein wenig gemütlich gemacht hat. Was im Fall von The Happy End heißt, dass deren schon sehr krautiger Krach und das kosmische
Fiepen manchmal nicht nur Krach sein will, sondern auch noch der Erhabenheitsrock rund um die naheliegendsten Akkorde à la Radiohead und Coldplay.
Heute spielen die Berliner im Westgermany.
]...[
Aber jetzt sollen auch die musikalischen Trollbeauftragten mal ihre Freude haben,
weil es mit Kria Brekkan (mit Múm- und Animal-Collective-Verbindungen) ein hingewispertes Wunderland hinter den Spiegeln
zu entdecken gilt mit knarrenden alten Klavieren und einer experimentellen Elfenhaftigkeit, die man erst einmal aushalten muss.
Zumal es an dem Abend am Mittwoch in den Sophiensaelen als Zugabe noch Tiny Vipers gibt, das Alias von Jesy Fortino,
deren an der Gitarre gezupfte Songs und die Stimme von ihr auch mehr so eine geisterhafte Erscheinung sind,
die man durch die Bäume am anderen Ende des Waldes sieht.
The Happy End: Westgermany, Fr, 21 Uhr.
Tiny Vipers, Kria Brekkan: Sophiensaele, Mi, 20 Uhr.
__________________________________________________________ zitty 26-2009 | 17. - 30. DEZEMBER
Verfechter der Unabhängigkeit
Die kleine Konzertagentur amStart feiert große zehn Jahre Text: Nadine Lange
U-Bahnhof Rosa-Luxemburg-Platz: Eine
blonde Frau mit Akustikgitarre singt ihre
Songs, eine andere Frau legt dazu einen
expressiven Tanz auf den Asphalt. Zufällig
kommt Konzertveranstalter Ran Huber vorbei.
Ihm gefällt die Musik so gut, dass er
eine der gebrannten CDs kauft, die die
Musikerin dabei hat. Zu Hause hört er sich
das Album sofort an, ist begeistert und
rennt wieder zurück zum U-Bahnhof. Zum
Glück stand sie noch da. Wir haben dann
unsere E-Mail-Adressen ausgetauscht ,
erinnert sich Ran Huber. Und so kommt es,
dass die Schwedin Kristina Hanses nun zum
ersten Mal auf einer Bühne in Deutschland
auftreten wird im Ballhaus Ost, wo Ran
Huber den zehnten Geburtstag seiner Konzertreihe
amStart feiert.
Dass er das Jubiläum nutzt, um eine Newcomerin
zu präsentieren, ist typisch für den
Mann mit dem Wuschelkopf, den man
selten ohne einen Stapel Flyer antrifft. Sich
mit klingenden Namen zu schmücken,
kommt ihm nicht in den Sinn. Dabei gibt es
davon eine ganze Reihe in der amStart-
Historie: Mina, Contriva, Kissogram,
Jamie Lidell, Chicks on Speed, Julia Hummer
sie alle hat Huber auf Berliner Bühnen
gehievt, meist lange bevor sie bekannt
wurden. Seine ersten Konzerte organisierte
er in der legendären Galerie Berlin-Tokio,
weiter ging es in der Maria am Ostbahnhof.
Das Konzept war anfangs so seltsam wie
fruchtbar: eine Berliner Band mit einer bayrischen
zusammenzuspannen.
Dazu nutzte Ran Huber seine persönlichen
Kontakte, denn er stammt aus der Nähe von
Weilheim, dem süddeutschen Indie-Rock-
Mekka der späten 90er und frühen Nuller-
Jahre. Console, Lali Puna oder Ms. John
Soda kamen durch ihn zu Auftritten in der
Hauptstadt. Wobei die Konzertstätten
zunächst stets im Ostteil lagen. Inzwischen
operiert Ran Huber berlinweit und seine
Künstler stammen aus aller Welt.
Zwei Dinge sind in den zehn Jahren amStart
immer gleich geblieben: Ran Huber veranstaltet
nur Konzerte von Bands, die ihm
selbst gefallen, und er macht fast alles
allein. Vom Booking über die Pressearbeit
bis hin zur Backstagebetreung ist er im Dauereinsatz.
Manchmal springt er nach dem
Konzert noch als DJ ein. Feierabend war
mir immer egal , sagt er. Als Ausgleich zum
kraftraubenden Einzelkämpfertum im
Dienste der geliebten Musik betreibt er
mehrmals wöchentlich Tai-Chi, das er nach
einer persönlichen Krise vor fünf Jahren
entdeckt hat.
Mit vielen Musikern verbindet Ran Huber,
der selbst Schlagzeuger der inzwischen
dahingeschiedenen Sitcom Warriors war,
langjährige Freundschaften. So kennt er
Christiane Rösinger schon aus Zeiten ihrer
90er-Jahre-Partyreihe Flittchenbar, die sie
in der Maria veranstaltet hat, und hat
immer wieder Britta-Konzerte veranstaltet.
Beim amStart-Jubiläumskonzert wird
Rösinger Songs von ihrer 2010 erscheinenden
Solo-Platte spielen. Mit dabei hat sie die
Band European Rich Kids prominentestes
Mitglied: Andreas Spechtl von Ja, Panik.
Und die hat Ran Huber natürlich auch
schon veranstaltet.
Konzert: 10 Jahre amStart mit Christiane Rösinger, Kristina Hanses,
Chuckamuck, Tomi Simatupang,
Lonski and Classen u. a.,
22.12., 21 Uhr, Ballhaus Ost, Prenzlauer Berg
__________________________________________________________ Wiener Blut
TAZ am 18.11.09
Wenn Sie aktuell nichts oder nichts Positives mit der österreichischen Hauptstadt assoziieren,
können Sie heute ihren Horizont erweitern. Da sind nämlich drei ungewöhnliche Künstler zu Besuch.
Zuallererst Sir Tralala (links im Bild), dem der Ruf einer gewissen Kauzigkeit anhängt.
Als einer der originellsten Musiker Österreichs unterhält er mit seiner Weird-Folk-Show und diversen Charakterwechseln on stage ein wachsendes Publikum.
Jüngster Stern am Anti-Folk-Himmel ist hingegen Der Nino aus Wien (rechts), der mit zarten 21 Jahren erfolgreich auf den Spuren Wolfgang Ambros' und André Hellers wandelt.
Nicht zuletzt geben sich Kosmoprolet die Ehre, ein Klangkunstkollektiv, angetreten, mit Subversion und tanzbaren Beats die Welt zu verändern.
Wien in Berlin: 18. November, 20.30 Uhr, 10 . King Kong Club, Brunnenstr. 173
__________________________________________________________ TIP Magazin, 15.10. -28.10.09
Ran Huber, Konzertveranstalter und enthusiastischer Protegé für unbekannte Musiker,
ist mit der Agentuer und Konzertreihe amSTARt aus dem Berliner Nachtleben nicht mehr wegzudenken
__________________________________________________________ UNTERM STRICH: KINO
Berliner Zeitung , 22.06.09, Kirsten Riesselmann
Eine Gala für "Rollo Aller 4"
Was für den Freitag im Festsaal Kreuzberg mit hanseatischem Understatement als Superstarpremierengala angekündigt worden war,
war im Grunde genommen ein schlichter Filmabend in Anwesenheit der Hauptdarsteller. Aber ein großer, schöner, stilvoller und bedenkenswerter.
Ein Filmabend, der einem so einiges einbrachte: Vergangenheitsseligkeit, kindliche Freude, ein gutes, altes Gefühl von kleiner Widerständigkeit und ein bisschen Scham über das, was aus einem geworden ist - trotz "Rollo Aller",
damals, Anfang der 90er.
Das Publikum im Festsaal konnte die zentralen Szenen der Hamburger Underground-Kultfilme "Rollo Aller", Teile 1 und 2, lippensynchron mitsprechen,
es sang mit gereckten Fäusten "Raus aus der Gesellschaft, rein in den Rock!", es johlte und begeisterte sich - was bei zeitloser Fünfzehnminuten-Subkulturkunst wie "Rollo Aller 1" auch immer noch absolut angebracht ist.
Eule, ein dauergewellter Proll im knatschengen Star-Spangled-Banner-Shirt hat seinen Job bei der Hamburger Stadtreinigung verloren.
Er klaut ein Moped und will seinen spielsüchtigen Kumpel Daddel zum Aussteigen bewegen. Unerreicht die Qualität der Dialoge:
"Ey, Daddel, du alder Bumsknochen, komm mal raus, ey!" "Was'n los, du Penner, ich hab grade Bonus-Serie!" "Komm ma mit, ey, ich muss was mit dir bequatschen.
Ich hab die Faxen dicht, ey, wir machen uns vom Acker, wir hauen ab von der ganzen beschissenen Gesellschaft, ey." "Du bis doch nich ganz schussecht, was is mit deiner Arbeit?" "Hab ich gekündigt,
ey, ich lass mich doch nich hundert Jahre ins Knie ficken von die Bonzen oder was."
Am Ende schaffen es die beiden auf die andere Elbseite, in Teil 2 landen sie beim Versuch, "nach Hongkong zu Bruce Lee sein Grab" zu trampen, in Berlin.
Teil 3, 1995 abgedreht, ist unvollendet geblieben - Regisseur Henna Peschel hat in 14 Jahren den Schnitt nicht auf die Reihe gekriegt. Am Freitag wurden ein paar Ausschnitte gezeigt.
Nicht so schlimm, dass dieser Film nie fertig wurde. In dem neuen, erstmalig bei dieser Gala in Berlin vorgeführten Sequel Nr. 4, das hinter dem Rücken des zu niedrigtourigen Peschel realisiert wurde,
eröffnen Eule und Daddel mit drei gemopsten Bierbänken und zwei Kästen Astra einen Beachclub mitten im Regen von Wilhelmsburg. Das tun sie, erkennbar um 14 Jahre gealtert,
indem sie Teil 1 zitieren bis zum Abwinken, aber auch neues musikalisches Material einbringen ("Der Muschikatzenmann") und am Schluss immerhin eine Bürste haben. Ja, ey, eine Bürste, damit kann man einen Friseur aufmachen.
Das schwere Erbe des glorreichen Erstlings wurde also nach bestem Wissen und Gewissen fortgeführt, was man im Festsaal goutierte.
Der eigens angereiste Hamburger Superstar Rocko Schamoni - Impresario, Schriftsteller, Subversivschlagersänger und Eule-Darsteller - kommentierte die engagierten Gunstbezeugungen
aus dem Publikum so: "Ich schnall nich' ganz, warum ihr alle weggezogen seid, aber is' wohl geiler hier."
Das brachte die ehemaligen Pudelclubgänger, die sich heute, in ihren Dreißigern und Vierzigern, alle bei Facebook und an ihren hassgeliebten Prekarierheimschreibtischen langweilen und außer Serienglotzen
kaum noch einen Sinn im Leben finden, ganz schön ins Schwitzen
Da fragten sie lieber schnell, warum Eule im neuen Film kein Amerika-Shirt mehr trage,
und Schamoni antwortete, dass die Türken auf der Reeperbahn, wo er früher immer Amerika-Shirts gekauft habe,
heute nur noch World-Trade-Center-Feuerzeuge hätten, wo, wenn man draufdrückt, das Feuer aus der Mitte schießt.
Sein Darstellerkollege Reverend Ch. Dabeler wollte noch unbedingt loswerden, dass er am ersten Drehtag von "Rollo Aller 4" Angst gehabt habe,
Schamoni in die Augen zu blicken und darin folgende Wahrheit zu erkennen: "Zwei Menschen, die 15 Jahre lang jegliche Entwicklung verweigert haben."
Diese Lustangst mag dem Publikum ebenfalls bekannt gewesen sein.
Weswegen vielleicht die Tanzparty im Anschluss nicht mehr in die Gänge kam, dafür aber beherzt schief gegrinste Toasts auf Staatskritik und Rockmusik ausgebracht wurden.
Man grüßte noch flüchtig alte Ausgehbekannte aus Hamburg, die jetzt auch alle in Kreuzberg wohnen, und traf auf dem Heimweg noch ein Frettchen.
__________________________________________________________ Sophie Hunger: Mit Dylan in der U-Bahn
Im Dot Club begeistert Sophie Hunger mit stimmlicher Vielfalt und sorgfältig gewählten Coverversionen
Tagesspiegel, 12.05.09, Jörg Wunder
Vielleicht gelingt es ihr ja, Schweizer Popmusik fast 30 Jahre nach Yello und Grauzone mal wieder aus der Kuriositätenecke herauszuholen:
Die 26-jährige Bernerin Sophie Hunger hat mit ihrer letzten Platte die Spitze der nationalen Charts erklommen, was außerhalb der Kantone erstmal nicht viel heißt.
Doch immerhin, vor dem Auftritt im Dot Club ringelt die Besucherschlange weit in die Falckensteinstraße hinein. Hunger ist mit einer vierköpfigen Band angereist,
die zwischen bluesigen Balladen mit gestopfter Posaune und rustikalem Folkjazz mit dröhnenden Gitarrenakkorden eine Menge Zwischentöne beherrscht.
Sie selbst sitzt auf einem Stuhl und zupft elektrische oder akustische Gitarre - und singt mit einer Stimme, die man in reservierter Rezensentenhaltung
vorschnell kategorisieren möchte: Ach ja, schon wieder einer dieser fraglos talentierten, aber ihre Fähigkeiten etwas überschätzenden jungen Damen, die wie
Nina Simone oder gar Billie Holiday klingen möchten, es aber immer nur für wenige Augenblicke tun. Sophie Hunger singt leidenschaftlich und mit erstaunlichem Stimmvolumen,
verwechselt aber anfangs manchmal Dynamik mit Lautstärke, gerade wenn sie versucht, gegen heftigere Instrumentalpassagen anzuschreien.
Schichten, Resonanzräume, Assoziationen
Doch dann hört man sich in diese Stimme rein, merkt, dass da viel mehr Schichten, Resonanzräume, Assoziationen sind, als man zunächst gedacht hatte.
Plötzlich klingt sie wirklich wie eine alte Blueslady, dann singt sie seidig wie Norah Jones, meckernd wie Patti Smith, inbrünstig wie Janis Joplin.
Und das alles, ohne jemals den Verdacht aufkommen zu lassen, sie würde versuchen, eine ihrer berühmten Kolleginnen nachzuahmen.
Und es wird immer besser: Bei der Coverversion von Irma Thomas Ruler of my Heart misst sie sich ohne Gesichtsverlust mit einer der großen Soul-Diven der Sechziger.
Ihre Begleiter spielen mittlerweile wie im Rausch, vor allem Michael Flury legt sein ganzes Herzblut in Posaunensoli von kristalliner Schönheit.
Durch die dornige Folk-Psychedelik von Citylights tastet Hunger umher wie Beth Gibbons im Portishead-Klanglabyrinth, Rise & Fall
bereichert sie mit einer romantischen Klavierimprovisation, das schwyzerdütsch gesungene Spiegelbild begeistert mit windschiefen Harmonien,
bei dem beschwingten Indiepop-Hit Round and round wird sie schier aus der Kurve getragen vor Begeisterung.
Kubistisches Mundharmonikaspiel
Zwischendurch nimmt sie sich die Ruhe für kleine Anekdoten. Etwa die von dem deutschen Musiker,
den sie am Morgen in der U-Bahn kennengelernt habe und von dem sie als Zugabe ein Lied spielen werde.
Zur allgemeinen Verblüffung erklingt dann eine souverän polternde Version von Like a Rolling Stone,
bei dem Sophie Hunger Dylans kubistisches Mundharmonikaspiel augenzwinkernd imitiert. Dann kommt sogar noch Le Vent nous portera
von der französischen Kultband Noir Désir: Ein Lied, das man durch die tragischen Ereignisse um deren Sänger Bertrand Cantat kaum noch unvorbelastet hören kann,
das hier aber wieder so luftig und melancholisch beschwingt klingt wie das Original vor acht Jahren.
Zum Abschluss rücken Sophie Hunger und ihre Jungs an den Bühnenrand und heulen ganz ohne Mikros und Verstärker
den Erdtrabanten an: Tell the Moon that youre sorry säuseln sie in mehrstimmigem Satzgesang, der Kontrabass schrummt,
die Gitarre plinkert, die Posaune seufzt. Das Publikum tobt minutenlang vor Begeisterung: nach anderthalb Stunden verdienter Lohn für ein hinreißendes Konzert.
__________________________________________________________ BERLINER PLATTEN
TAZ berlin, 3.4.09, THOMAS MAUCH Prinzipiell Postrock (als existenzielle Angelegenheit): vital nach außen drängend mit Tony Bucks neuem Projekt Transmit und schön nachdenkend nach innen horchend mit Blainbieter
Doch, man kann die Musik schon auch nach dem Cover einschätzen, zur Grobsortierung wenigstens, und dass die beiden CDs hier in schlichten Kartons in der Existenzialistenfarbe Schwarz stecken,
sagt durchaus was über die Konzentration, mit der musikalisch gearbeitet wurde. Und dass Rock eben schon weiter eine Sache sein kann, die einen ganz existenzialistisch angeht.
Das Projekt Transmit ist dabei der neue Auslauf von Tony Buck, den man in Berlin als vielseitig interessierten Impromusik-Schlagzeuger (The Necks, Peril) kennt.
Hier frönt er mal seiner neuen Lust an der Gitarre, und bis auf den Bass hat Buck den Rest bei dem auf Staubgold erscheinenden Album gleich selbst mit eingespielt, mit einem wuchtigen Rock,
für den die Gitarren schaufeln und schrabbeln, die einzelnen Phrasen beharrlich wiederholend, so dass die Musik auch die rechte Schubkraft bekommt, wie man das etwa von The Ex oder Shellac kennt
oder auch dem SST-Gitarrenrock. An manchen leichtherzigeren Stellen klingt sogar fast so ein Fluss wie von Pell Mell an (deren Endachtziger/Frühneunziger-Platten mal wieder nachdrücklich empfohlen
sein sollen). Neben der fein geschredderten Minimal Music, den Hardcore-Zuspitzungen und den Postrockarchitekturen aber hört man vor allem Bucks Freude an der Gitarre als prima Krachmaschine.
Wobei es sich hier keineswegs um eine Lärmplatte handelt, kein Noise, sondern um einen klar strukturierten Repetitions-Rock, effizient in seinem Drängeln und spannend genug die Zeit ordnend.
Auch wenn das beim Projekt Transmit intendierte Prinzip, sich Gitarrenschippe auf Gitarrenschippe in die Trance zu arbeiten, auf Platte halt meist weniger gut funktioniert als im Konzert.
Dafür gibt es auch die Band zum Projekt, die am Sonntag im Live at Dot spielen wird.
Etwas mehr Gedanken über Melodien und überhaupt den Song hat man sich bei Blainbieter gemacht, der Berliner Band, die sich seit ihrem letzten Album "Cleanride" von 2003 reichlich Zeit gelassen
hat für "Nicer Dogs". Was auch zu hören ist, dieses intensive Nachdenken über Sounds und Arrangements, und wie Strukturen mit den Details so miteinander verkoppelt werden, dass nichts zum bloßen
Ornament wird. Was doch Progrock wäre, während Bleinbieter lieber das Feld des Postrock ausweiten, hin zum Song. In den nachschleppenden Rhythmen, dem zerknautschten Gesang und den zur Kenntlichkeit
herausgearbeiteten Prinzipien wie der im Bratzgitarrenrock beliebte Laut-Leise-Wechsel hat die Musik dabei etwas Angespanntes, in den Nerven zerdehnt. Überreizt, leicht neurotisch.
Sie lässt nicht los. Rennt sie doch einmal los, rennt sie auf eine Wand. Noch lieber aber gönnt sie sich die Schönheit der wohlproportionierten Klangarchitektur,
mit erhabenen Ausblicken eigentlich, wobei Blainbieter auch dabei wieder den Richtungswechsel schaffen. Diese Musik hört nach innen.
Auf der Bühne muss man sich Blainbieter wohl als eine Band vorstellen, die beim Spielen eifrig die Schuhe beguckt.
Nachschauen kann man am Donnerstag, 16. April, beim Konzert im Live at Dot.
Projekt Transmit (Staubgold) Live 5. April, Live at Dot
Blainbieter: "Nicer Dogs" (Blankrecords) Live 16. April, Live at Dot
__________________________________________________________ Die Musikerin Soap&Skin
Existenzialistischer Zauber
Die 18-jährige Musikerin Anja Plaschg aus Wien - alias Soap&Skin - ignoriert die Medienhysterie um ihre Person und verwandelt Konzertsäle ganz souverän in heilige Orte.
VON TIM CASPAR BOEHME
Einfach so tun, als gäbe es das alles nicht: den Hype um das achtzehnjährige Popwunder aus Österreich mit Kindheit auf dem Dorf und
schwerst beeindruckender künstlerischer Mehrfachbegabung, die schon mehr als ein Jahr vor ihrem soeben erschienen Debüt
für unüberhörbares Rauschen in Medien und Musiklandschaft sorgte. Geht natürlich nicht. Anja Plaschg, besser bekannt als Soap&Skin, ist wohl schon jetzt eine Ikone.
Dass auch der Festsaal Kreuzberg in Berlin bei ihrem Auftritt, mit dem sie ihr Album "Lovetune for Vacuum" vorstellte,
letzte Woche aus allen Nähten platzte, war das Mindeste, worauf man zählen konnte.
Dass ihr Konzert auch wirklich berührte, war bei dem hysterischen Vorab-Rummel dann aber eine Überraschung.
Eine jugendlich-fragile Stimme, leicht verklimpertes Klavierspiel und digital ruckelnde Unterstützung aus dem Laptop sind Bausteine der Musik von Soap&Skin.
Aus diesen fertigt Plaschg Rohdiamanten, unscheinbare Melodien mit einer Unmittelbarkeit des Gefühls, wie es nur in jungen Jahren möglich scheint.
Was an dieser Musik sprachlos macht, ist ihr eigenwilliger und nicht altersgemäß erscheinender Formwille.
Zerbrechlichkeit, Todessehnsucht und andere existenzielle Grundstimmungen handhabt die Künstlerin mit einer Selbstverständlichkeit,
die für peinliche Momente nur wenig Raum lässt. Ist das Kunst oder Kitsch? Im Grunde stellt sich die Frage nicht, bei ihr ist die Grenze völlig verwischt.
Vergleiche mit popmusikalischen Ausnahmeerscheinungen wie Antony Hegarty oder Kate Bush sind nicht fehl am Platz.
Doch was die zierliche Sängerin so außergewöhnlich erscheinen lässt, ist nicht nur ihre kindlich wirkende Unverstelltheit,
sondern die Art, wie sie ihre Stimme als Instrument einsetzt. Sie springt vom Kinderstimmenregister hinüber zu markzertrümmernden Schreien
oder bricht unvermittelt in verzweifeltes Heulen aus.
Diese Unberechenbarkeit, mit der sie die Songs ihres Albums vor morbider Gothic-Gefälligkeit bewahrt,
steigert sich im Konzert zur emotionalen Belastungsprobe. Plaschg erscheint auf der Bühne in gewohnt düsterem
Outfit - blass, mit wallenden dunklen Haaren und im schwarzen Kleid. Als sie sich an den Flügel setzt, haucht sie ein schüchternes "Hallo" ins Publikum.
Wenn sie sich zwischen den Stücken bedankt, kann man das allenfalls an ihren Lippenbewegungen erahnen. Viel mehr sagt sie nicht.
Allein nach dem ersten Stück wendet sie sich mit den Worten "Bitte schalten Sie diese Maschine aus" an die Technik - gemeint ist die Nebelmaschine.
Als die Techniker nicht sofort begreifen, springt sie auf und schlägt demonstrativ auf das Gerät.
Die meiste Zeit sitzt Plaschg jedoch konzentriert an ihrem Instrument. Unsicherheit macht sich kaum bemerkbar.
Hoch gespannt auch das Publikum, dessen ergebene Aufmerksamkeit irgendwie an den Empfang der Sakramente erinnert.
Als zwischen zwei Stücken kurz gelacht wird, fährt die Musikerin mit einem Blick dazwischen, dem man nachts lieber nicht allein auf der Straße begegnen möchte.
Nach einer Dreiviertelstunde ist der Zauber vorüber. Fast.
Ein neues Lied kommt noch als Zugabe hinterher, dann verabschiedet sich Plaschg mit einem "Danke", das so flehentlich klingt,
dass es ein wenig unangenehm berührt. Oder sollte das etwa alles nur Teil einer medienkompatiblen Inszenierung gewesen sein?
Selbst in diesem Fall hilft es nichts, Soap&Skin lässt einen dankbar und zumindest für den Augenblick verändert zurück.
Schwer zu glauben, dass dies erst der Anfang ihrer künstlerischen Karriere ist.
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DIENSTAG 17 MÄR 2009, SOLANG' DIE BIRNE GLÜHT
LIVE AT DOT KONZERT AMSTART Blurt, Olaf Rupp, DJ Niki Matita
Berliner Nacht/ Text: Minimatika 1980 wurde der Puppenspieler Ted Milton Blurt. Seit einigen Jahren behauptet ein geschätzter Berliner Konzertveranstalter ihn auf seiner jeweils allerletzten Tour zu präsentieren.
Das ist natürlich eine Lüge, denn solange der alter Gentlemanpunk noch Luft aus den Lungen zu quetschen vermag, wird er seine hypnotischen Repetitionen ins Saxophon blasen und strippenziehend das wechselnde Geleit der Rhythmussektion und Minimalguitarrendeko durch sein weitgereistes Rvre, und dem Publikum Gänsehautschauer über den Rumpf, jagen.
__________________________________________________________ WOCHENÜBERSICHT: KONZERT Thomas Mauch hört auf den Sound der Stadt
So ein Name zeigt schon gleich mal an, dass die Band die Hitparade und jede weitere Massenplausibilität für Teufelszeug hält,
denn dafür ist Jimmy Trash and the Gunpowder Temple of Heaven einfach zu sperrig und viel zu lang, als dass man ihn sich auch nur bis zum Ende dieser Kolumne merken könnte.
Ein Trio, das in seiner Musik klingt wie freihändig über den Bierkasten hinweg gespielte ältere Songs von den Stones, als es die gerade mit dem Countryrock hatten,
mit einer seltsam insistierenden Geige und einer Schrägheit, die genauso gewollt wie auch aus dem Unvermögen heraus zustande gekommen sein kann. Was aber letztlich egal ist.
Am Mittwoch spielen JTATGTOH im im Kaffee Burger.
Zwischendurch kann man dann zu Britta (schöner Name, knapp und präzise) gehen, der Band von Christiane Rösinger mit freundlichem Fahrtenliederindierock übers Durchwursteln,
am Sonntag im Neuen Berliner Kunstverein.
[...] Jimmy Trash: Burger, Mi, 22 Uhr
__________________________________________________________ THOMAS WINKLER, taz berlin vom 14.11.08 BERLINER PLATTEN
Die Lieder aus dem Lebkuchenhaus: Kiki Bohemia
Sollte das Klima jemals das Klingen erlernen, dann würde sich der aktuelle Blick aus dem Fenster wohl ungefähr so anhören wie Kiki Bohemia auf ihrem ersten Album:
unterkühlt, weitgehend unwirtlich und so spartanisch wie blätterlose Bäume. Denn zwar knuspert und knurrt es auf "All The Beautiful" bisweilen, als wäre das Studio
ein Lebkuchenhaus gewesen, an dessen Tür vehement Kate Bush und CocoRosie klopfen. Aber von der Üppigkeit dieser Referenzen will Karla Wenzel,
die sich hinter dem in den letzten Jahren auf allen verfügbaren Berliner Bühnen gestählten Pseudonym Kiki Bohemia verbirgt, nichts wissen.
Sie lässt lieber einen Ton weg, als einen zu viel zu setzen. Könnte ja sonst der eher marode wirkende Zierrat, die klapprige Elektronik oder die zahnschmerzschiefe Orgel überhört werden.
Was sehr schade wäre. Denn der Lofi-Hexen-Sound, den Wenzel da konstruiert hat, wartet mit mancher Überraschung auf: Wer hat es zuvor wohl jemals gewagt, ein bollernden Techno-Beat
mit Schifferklavier zu kreuzen? Oder das Geräusch morgendlichen Rachengurgelns als Grundlage für einen Song zu verwenden?
Kiki Bohemia: "All The Beautiful" (Matrosenblau/Indigo), live am Samstag, Ballhaus Ost, 22 Uhr
__________________________________________________________ Rumpeln aka Sonytony aka Anton am 28.10.08 nun endlich haben wir es geschafft alle (paddington distortion combo, stockholm) nach münchen bzw berlin zu holen.
was wir wahnsinng toll finden weil wir ihn wahnsinng toll finden !
und zum glück gibts menschen wie anna (under13) und ran (amstart) die seine deutschlandpremiere möglich machen !!!!
support your international scene !!!
__________________________________________________________ KIRSTEN RIESSELMANN, taz, 27.10.18 Titel: Das Potenzial der Volksmusik
Ländler-Punk, Gstanzl-Hiphop, Alpen-Rap und Volksmusik-Dub, Kalinka-Musik? Das oberösterreichische Duo Attwenger spielt mit trockenem Witz und spezifischer Widerborstigkeit in der Kulturbrauerei
Freitag Abend spielten Attwenger im Maschinenhaus ihr 47. Konzert des Jahres. Draußen auf dem poppig illuminierten Hof der Kulturbrauerei standen viele junge Leute um Bier-, Grill- und Cocktailstände herum (trotz Herbst), machten Karaoke auf dem Oberdeck des lautstarken "Singstar"-Promobusses und stellten sich in Schlangen vor dem Soda Club und der "schönsten Billardlounge der Stadt" auf.
Quetschn und Zerrwanst
Drinnen warteten weniger und durchschnittlich ältere Leute auf Markus Binder und Hans-Peter Falkner. Die sind seit 1990 fast durchgängig Attwenger und tingeln durch die Weltgeschichte (sogar auf Bali waren sie schon dieses Jahr), was in Sachen Ausdauer sehr bewundernswert und in Sachen Aufwand sehr nahe liegend ist.
Ein Auftritt von Attwenger braucht nicht viel. Mitbringen tun sie eine Ziehharmonika, einen Sampler, ein sehr kleines Schlagzeug und einen Minidiscplayer. Benötigen tun sie zwei Tische, vier Handtücher, Mineralwasser, kaltes Flaschenbier - ("kein Heineken, Beck's usw.") wie auf ihrer Homepage steht - und einen "ausnahmslos" unbestuhlten Raum. Nicht dass ein Attwenger-Publikum zu zerstörerischen Ausfällen neigen würde, aber ein wenig Bewegungsfreiheit wird schon benötigt.
Die Kunst der beiden Herren aus dem Oberösterreichischen lässt sich aber auch genießen, ohne die Knie bis in Bauchnabelhöhe zu heben. Auch weil man so keine der grandiosen Zwischenansagen verpasst und die herzerhebende Meisterlichkeitsmischung aus Instrumentenbeherrschung, trockenem Witz und spezifischer Widerborstigkeit voll mitbekommt. Attwenger sind ohne Frage "a great deal", wie John Peel seinerzeit konstatierte, aber sicher keine Dienstleister am Publikum; es ist schon vorgekommen, dass Falkner seine Ziehharmonika - in ihren Herkunftsgebieten auch Steirische genannt - mitten im Auftritt einfach niederlegte, weil's ihm einfach nicht mehr taugte, das Ganze.
Seit fast 20 Jahren jetzt müht man sich in Bezug auf Attwenger-Musik mit "Ländler-Punk", "Gstanzl-Hiphop", "Alpen-Rap", "Volksmusik-Dub" und "Kalinka-Musik" um begriffliche Annäherung. Binder spielt sein Schlagzeug zwischen Polka und Breakbeats und bläst virtuos die Maultrommel, Falkner orgelt seine Quetschn in unterschiedlichen Graden der Verzerrtheit, was mal nach Wirtshaus, Balkan, House-Piano oder Drone-Erzeuger klingt. Sprechsingen tun beide, in diesem nöligen Oberösterreicher Slang, stoisch zwischen Englisch-Verhohnepipelung und Dada-Ritornell: "Ka Klakariada der de Hosn net glei vollhot wann iagandwos passiert des wos er söiber net verstöht" (Stichwort: Kleinkarierte)-
Ultraautonome Ignoranz
Über die anarchischen, widerständigen Potenziale von Volksmusik ist im Zusammenhang mit
Attwenger schon genug räsoniert worden, immer so à la Fest, Rausch, Antikommerz, kleine Leute aller Länder vereinigt.
An Attwenger wurde der kategoriale Unterschied zwischen Volksmusik und Volkstümlichkeit festgemacht.
Man muss aber Attwenger-Subversivität nicht notwendig mit diesem ganzen Volksgezeugsel in Verbindung bringen.
Attwenger geht's nicht primär um schulterklopfende Gemeinschaftsstiftung, sondern um eine Art ultraautonomer Ignoranz.
Wo da der gute Kampf gegen das peinlich Bedeutungsaufgeblähte aufhört und eine eher fragwürdige Antiintellektualität anfängt,
ist manchmal schwer zu sagen. "Versteht ihr uns eigentlich?", fragt zum Beispiel Falkner. "Ja, des is net überall der Fall.
Aber Berlin ist so & " Jemand aus dem Publikum ruft: "Multikulturell!" Falkner rümpft die Nase und antwortet:
"I wollt eigentlich nur song: super. ,Multikulturell' ist mir zu sehr an Zungenbrecher."
__________________________________________________________ Tip (21/2008) Oktober 2008 Titel: Die 24 besten neuen Bands aus Berlin Die Zeitlose : Kiki Bohemia
Berlin hat mit der hochgeschossenen Kiki Bohemia wieder eine weibliche Stimme, die es mehr als verdient hat,
über die Stadtgrenzen hinaus gehört zu werden. Mit ihrem im Oktober erscheinenden Album All The Beautiful hat die bisher vor
allem durch ihre Konzerte bekannte Solokünstlerin das überzeugendste Berliner Debüt der Nullerjahre eingespielt.
Mit epischen Liedern, die sich mehrstimmig zwischen Tradition und Gegenwart bewegen.
Mit Referenzen an Portishead, Nico und Joni Mitchell, die mehr Wahlverwandtschaft als um eigene Ideen verlegene Selbstbedienung
im Retroladen sind. Und mit jenem seltenen Talent, das sich im Gesang genauso zu Hause fühlt wie beim Komponieren,
Arrangieren und Produzieren des eigenen Materials, legt Kiki Bohemia ein Werk vor, das so zeitlos ist,
dass dem Zeitgeist das geschäftige Plappern vergehen sollte.
Ballhaus Ost Sa. 15. 11., 21 Uhr, www.kikibohemia.net
__________________________________________________________ tazplan kultur vom 02|05|2008 Jenseits des Bonus-Levels Das finnische Duo Desert Planet zündet aus dem Schrott des multimedialen Zeitalters ein klangliches Feuerwerk.
Vom virtuellen Band-Projekt haben sie den Sprung zu einem gefragten Live-Act der Electro-Szene geschafft
Die Winter am Polarkreis in Lappland sind kalt. Selten klettern die Temperaturen über den Gefrierpunkt.
In der Saison 2001/02 war aber selbst für die an Väterchen Frost gewöhnten Lappen der absolute Tiefpunkt erreicht.
Nur Jukka Tarkiainen und Jari Mikkola konnte die arktische Wetterlage nichts anhaben.
Die beiden Studenten schürten an der Universität Rovaniemi, in der Hauptstadt Lapplands, ein elektronisches Lagerfeuer.
Sie stellten ihren Track "Return of the Ninja Droids" zum kostenlosen Download auf den Uniserver.
Binnen weniger Stunden wurde aus dem Feuer ein Flächenbrand. Mehr als 60.000 Menschen luden die Musik herunter,
bis der Server abrauchte.
So beginnt die Bandgeschichte von Desert Planet, wie sich das Duo Tarkiainen und Mikkola fortan nannte.
Eigentlich wollten die beiden der Welt einfach nur ihre Verbundenheit mit der Musik aus dem
Commodore C-64-Computer und den Chiptunes von "Super-Mario" zeigen. Der Gag wurde durch das Internet rasend schnell
weitergetragen und sie beschlossen, mit den blinkenden Tönen und matschigen Synthiemelodien aus den alten Konsolen
neue Songs zu schreiben.
Inzwischen haben Desert Planet sechs Alben veröffentlicht - "Moon Rocks", das neueste Werk erschien vor wenigen Wochen
auf dem Fürther Indielabel 9 PM -, wurden von der Kulturbehörde Lapplands als Botschafter ihrer Region ausgezeichnet und
gestalteten sogar den Soundtrack der kanadischen TV-Kultserie "Foodjammers". Vor allem gelingt Desert Planet das Kunststück,
ihre Sounds ohne Reibungsverluste auf die Bühne zu bringen. Sie nennen ihre Live-Performance "Donkey Kong Honky Tonk" und
brennen ein hyperkinetisches Feuerwerk ab. Mit Granny-Smith-grünen Motorradhelmen und Asbestanzügen fuchteln die beiden Finnen,
unterstützt von VJ Antti Hovila, als scheinbar steuerungslose Videospielfiguren auf der Bühne herum, als wären sie jenseits des
Bonus-Levels von ihrer eigenen Fingerfertigkeit besoffen geworden. Das Publikum ballt dazu die Fäuste, berserkt oder drückt mit
beiden Daumen die imaginären Joy Sticks. Mit "Breakout Button" haben die Finnen dieser zwischenmenschlichen Grenzerfahrung auch
eine Hymne geschrieben. Die Musik von Desert Planet ist Trash im Wortsinn. Das Cover von "Moonrocks" ziert ein Gerätegesicht.
Eine Steckdose ist der Mund, die Augen bestehen aus den Spulen einer Videocassette. Aber Desert Planet zitieren den Schrott des
multimedialen Zeitalters nicht nur, sie beschleunigen ihn auf nie gekannte Geschwindigkeit hoch. Ohne einen Hauch Funk und bar
jeden Grooves wird geholzt, als gelte es, bis morgen Früh um vier eine Lastwagenladung Kiefern nach Karelien zu fahren.
Das ist Pogo, kein Boogie. Das Klanggeheimnis dieser Musik liegt in den Mitten:
Sie werden militant breitgewalzt, klingen so auch richtig bösartig und geben der Comic-Düsternis den richtigen Tarnanstrich.
Besonders bemerkbar macht sich das in den Coverversionen: Das "Blade Runner"-Thema von Vangelis wird in den Händen von
Desert Planet zu einem Klangmeteorit, dem man nur noch mit dem Ausknopf Einhalt gebieten kann.
Aber Desert Planet sind doch nie so ganz zu fassen, als "Phantoms of the Digital Dump" (Songtitel) treiben sie ihr Unwesen.
Morgen schon könnten sie vergessen sein, für heute aber eine ganz dringende Empfehlung, denn es ist ja nicht ewig Zeit.
JULIAN WEBER
Desert Planet, heute, 21 Uhr im Kaffee Burger; 3. 5.: Präsentation ihrer Videoarbeiten, Galerie Tristesse
__________________________________________________________ Berliner Nacht 15.8.08
ON THE WINGS OF MERCURY
BANG BANG CLUB: S P E C T R U M, Minit, DJ Tim Gane
Drone Pop von Pete Kember, Drone Rock von Jasmine, Torben und Anthony, und die feinste Auswahl an Out There Rock-Platten von Tim Gane,
früh kommen lange bleiben, und sich dem Drone hingeben, und dabei an die frühen Neunziger denken,
als uns das "Dream Weapon"-Album den Drone lehrte, und das "Taking drugs to make music to take drugs to"-Bootleg den Weg dahin wies,
es folgten wahnsinnige Konzerte mit Spiritualized, hochkulturelle Jams mit Electronic Audio Research,
und der epochale Spacemen Tribute auf Rocket Girl, und dann war da natürlich noch der DJ in der lokalen Indie Disko,
der die Nacht immer mit "When tomorrow hits" in der Spacemen-Version ausklingen ließ,
ewige Lieblingsband, auf jeden Fall... PS: neue Platte gibt's auch.
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TAZ berlin 18.04.2008 THOMAS MAUCH
Berliner Platten Jasmina Maschina schlägt dem Folkpop ein schönes Kissen auf
Es ist doch interessant, dass experimentelle Elektronikmusiker bei der
Verfertigung von Songs diese dann gern folkig halten, also einen weiten Weg hin zur anderen Seite
des musikalischen Spektrums gehen. Vielleicht eine Lust an klaren, einfachen Strukturen:
das Prinzip akustische Gitarre. Das hat nun auch Jasmina Maschina aufgegriffen,
der eine Teil des in Berlin lebenden australischen Dronemusikduos Minit.
Für ihr Solodebüt lässt sie daran viele kleine Soundideen schmiegen, was aus diesem "The Demolition Series"
einen weich gebetteten Folkpop macht, der durchaus die luzide Schönheit der Lieder eines Leonard Cohen kennt.
Sanftmütig und beharrlich, in hingetupfter Behutsamkeit. Und immer in Gefahr, ins Nichts zu entschweben. Ein Hauch.
Ein Flirren. Ein entferntes Echo. Mehr bleibt manchmal nicht zurück. Was auch wieder ein Trick ist, dieses Entrückte,
das sich geheimnisvoller macht, als es wirklich ist. Dass man darauf aber hereinfallen will, ist schon eine Qualität dieser Lieder,
und zum Schluss gibt es mit "Asleep" eine Minit-Variation: einen an Minimal-Music und Drones geschulten Song,
der in seinen acht Minuten noch ganz andere Möglichkeiten andeutet, wo der Folk allein aus eigener Kraft gar nicht mehr hinreicht.
Jasmina Maschina: "The Demolition Series" (Staubgold) . Konzert mit Band 24. 4. Schokoladen
__________________________________________________________ Tagesspiegel vom 28.02.2008
Man weiß selten, was einen genau erwartet, wenn Ran Huber zu einem seiner amSTARt -Konzerte einlädt.
Von krudem Dilettantenblues bis zu genialen Freistilexkursionen ist alles drin. Spät wird es meistens,
langweilig fast nie. Und neun Jahre mit striktem Underground-Kurs durchzuhalten ist sowieso eine beachtliche Leistung.
Zum Jubiläum die ganz große Überraschungspackung mit Julia Hummer, Pollyester, Golden Diskó Ship ...
Festsaal Kreuzberg, Mi 5.3., 21 Uhr
__________________________________________________________ Berliner Nacht, Feb/Mär 2008 MITTWOCH 05 MÄR 2008, GLÜCKWUNSCH! ALLE NEUNE!
FESTSAAL KREUZBERG KONZERT+PARTY AMSTART FEIERT GEBURTSTAG Julia Hummer, Pollyester, Up-Tight, DJ Mooner
amSTARt sorgt seit neun fickenden Jahren (Zitat myspace, slightly eingedeutscht) für gute Musik in dieser kleinen Stadt,
und das meist auf den eher nicht-ausgetretenen (also originellen, originalen und originären irgendwie auch) Pfaden.
Weiß eh schon jeder. Heute wird das gefeiert (also nicht die Tatsache, daß unsere Zielgruppe das alles schon weiß, sondern ebenjene
neun Jahre) - im Festsaal Kreuzberg und im Detail mit: Julia Hummer (zurück von den untergetauchten und hoffentlich auch weiterhin
so niedlich verpeilt wie ehemals), Pollyester (Dadadisko Minimal Funk, also alles und nichts, aber aus Japan und München,
also in jeder Hinsicht im Kontrast zu Berlin), Golden Disko Ship (Musikrichtung "Holy Shit", und wir hoffen inständig,
daß das nicht für Gospel-Industrial steht), Up-tight (kommt aus Japan mit der Fahrgemeinschaft und macht Psychedelic Rock),
dazu DJ Mooner mit dem Punk&Electro-Klassiker und vielen ausgelassenen und tierisch individuellen jungen feierwütigen Menschen,
schließlich geht das in Kotti-Nähe irgendwie gar nicht mehr anders.
Wer da heute nicht auftaucht, hat hoffentlich eine gute Ausrede (Festanstellung am Donnerstag oder sowas)!
__________________________________________________________ http://www.dorfdisco.de/rev/08/betonschuessel-in-der-frontscheibe.phtml
"Ran Hubers amSTARt Konzerte: Sie waren und bleiben eine Oase im Berliner Poporbit,
und man kann mit gutem Gewissen behaupten dass gerade auch
amSTARt Berlin zu dem macht, was es seit Wowi sein will:
einer der abwechslungsreichsten und vielschichtigsten Kulturorte der Welt zu sein."
__________________________________________________________ Berliner Nacht, Februar 2008
BANG BANG BANG BANG CLUB CLUB AM AM START START
BANG BANG CLUB 21:00 KONZERT Marseille Figs, Fufu Trio, Fuse Empire
Uns Ran (Huber) hats ja gern bissi was relaxationsmäßiger.
Der Ran, der holt sich nich Hölle noch Fegefeuer ins Haus, noch Krach, Radau und Remmidemmi, nicht die Hast und nicht den Tempowahn.
Der is ja nich deppert, Master Of Entschleunigung, der läßt den nassen Aal flutschen wie's
kuschlig verschlafene Sonntagmorgenpöpperchen.. Ja, akustische Sanatorien braucht unsere Stadt, grade unsere,
Hauptumschlagplatz des internationalen Streßkranken-Transfers. Folk/NoFolk, Akustik, Country...
Also für das Fufu Trio scheint der Fall klar, die sind irgendwie *so ganz lieb*
(kein Problem, Fufu ist ein Mädchen), Fuse-Empire haben wenigstens hier und da was angesoffenes mittenbei,
und aber: Marseille Figs - auf denen liegen die Hoffnungen einer ganzen delirant hinkenden Streßkranken-Station,
endlich den Mittelweg zwischen eingeschläfert werden und sich selbst gezeigt zu bekommen.
amSTARt hat ein internationales Netzwerk nicht kommerzieller Musik geschaffen
und bespielt in Berlin immer wieder neue und ungewöhnliche Orte.
amSTARt has been promoting the most remarkable concerts and music events in various places in berlin
for as long as anyone can remember. the first address for music addicts
(hey o hansen, Berlin)
i think it's fantastic that amSTARt use its energy to make stuff happen here in berlin,
and that i and many others really really appreciate this consistent consequent support.
berlin wouldn't be the same without amSTARt.
(Justine Electra)